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Botulinum - das Lieblingsgift der Dermatologen

Die Menschen werden immer vorsichtiger, was den Umgang mit Produkten angeht. Das wundert nicht und ist gut so, denn in der Vergangenheit gab es immer wieder Berichte über toxische Chemikalien wie z.B. BPA in Plastikprodukten. Auch die Nachhaltigkeit bei der Herstellung von z.B. Lebensmitteln oder Kleidern wird seit einigen Jahren großgeschrieben; Nachhaltigkeit wird sogar als „Megatrend“ gesehen.

Das Bewusstsein der Konsumenten hat sich extrem gewandelt. Gerade in Deutschland wünschen sich viele Menschen detaillierte Informationen über den Ursprung und die Herstellung von Produkten. Das hat oft sehr positive Effekte zur Folge, wie z.B. die Zunahme der Freilandhaltung bei Hühnern.

Deshalb werde ich als Dermatologin heutzutage von meinen Patienten mit vielen Ängsten konfrontiert, wenn wir über Botox sprechen! Ja, Botox ist ein „Toxin“, also ein Gift. Was aber ist eigentlich ein Gift? Diese Frage hat schon im Mittelalter der Arzt Paracelsus perfekt beantwortet: „Nur die Dosis macht das Gift“. Der bei seinen Zeitgenossen wenig beliebte Arzt verfasste mehrere hundert Schriften und war ein Verfechter der naturgemäßen Lebensweise, die er für vorbeugend und heilend hielt. Der Mann war seiner Zeit weit voraus, aber im (dunklen) Mittelalter hat man solche (aufgeklärten) Menschen bekanntermaßen nicht besonders geschätzt!

Botulinumtoxin ist ein wunderbares Beispiel dafür, was eigentlich ein Gift ist. Produziert wird dieses Gift von Bakterien, die „Clostridium botulinum“ heißen. Es kann eine „Botulismus“ genannte Vergiftung hervorrufen. Am häufigsten wurde diese Vergiftung durch nicht sachgemäß gelagerte oder haltbar gemachte Wurst-oder Fleischprodukte hervorgerufen, daher der Name (lateinisch botulus=Wurst). In unsachgemäß gelagerten Lebensmitteln konnten so große Mengen an Botulinumtoxin von den Bakterien produziert werden und so zu einer lebensgefährlichen Vergiftung führen. Heutzutage wird z.B. durch Pökeln oder Erhitzung von Fleischprodukten das Wachstum dieser Bakterien verhindert.

In kleinsten Dosen wirkt Botulinumtoxin heilend, z.B. bei Menschen mit „Schiefhals“, einer angeborenen Muskelverkürzung im Halsbereich. Diesen Patienten kann mittels Botulinum hervorragend geholfen werden. Ein weiteres Beispiel der sehr guten therapeutischen Wirkung ist der Einsatz per Endoskop in der Gastroenterologie bei Menschen mit Schluckstörungen, weil der Magenpförtner (ein ringförmiger Muskel am Mageneingang) zu kräftig ist.

Seit mehreren Jahrzehnten wird Botulinum auch in der Behandlung von mimischen Falten im Bereich des Gesichts und des Halses mit sehr großem Erfolg eingesetzt. Nicht ohne Grund ist „Botox“ eine der weltweit beliebtesten Schönheitsbehandlungen. Der Effekt ist bei vorsichtigem Einsatz durch einen erfahrenen Anwender hervorragend. Ich könnte keinen Tag in der Praxis ohne Botulinum auskommen, die Anwendung gehört zur absoluten Routine in der Ästhetik. Auch nach jahrzehntelanger Anwendung gibt es keine Berichte über schwere Nebenwirkungen. Mal ein kleines Hämatom oder eine dezente Korrektur- mehr habe ich persönlich auch nicht erlebt in meinen bisher fast 20 Jahren Erfahrung mit Botox! Das ist ein außergewöhnliches Sicherheitsprofil, wie es keine andere Behandlung in der Rejuvenation aufweisen kann!

Ist Botox ein Gift? Ja, klar, wenn man im Mittelalter alte Wurst gegessen hat und an Botulismus erkrankte. Aber eben auch „Nein“, wenn ich es in winzigen Dosen therapeutisch einsetze, ob beim Schiefhals oder bei Falten, das spielt keine Rolle! Viele Medikamente sind „giftig“ in hohen Dosen und „therapeutisch“ in der niedrigen oder eben „therapeutischen“ Dosis. Paracetamol ist ein tolles Schmerzmittel, aber in der falschen Dosis führt es ein Leberversagen herbei! Denn wie Pacelsus auch sagte: „Alle Dinge sind Gift, allein die Dosis macht, dass ein Ding KEIN Gift ist!“ In therapeutischer Dosis ist Botulinum also kein Gift, sondern ein geniales Heilmittel mit einem sehr hohen Sicherheitsstandard. Ich möchte Botulinum“ keinen Tag in der Praxis missen müssen, es ist nachhaltig, heilend, vorbeugend und sehr sicher! Ich bin nicht Paracelsus, aber Aufklärung ist im 21. Jahrhundert zum Glück geschätzt und es ist mir ein persönliches Anliegen, den Ruf meines „Lieblingsgiftes“ zu verbessern!